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Schon wieder krank

Ein Artikel der digitalen Ausgabe der Süddeutschen Zeitung Rubrik Wissen vom 26.11.2019
von Werner Bartens:

Gestern Abend fühlte sie sich völlig gerädert und konnte die Augen kaum noch offenhalten. Sie legte sich früh ins Bett, trotzdem geht heute gar nichts mehr. Die Stimme versagt, der Schädel brummt, dabei hat sie keinen Tropfen Alkohol angerührt. Am Schlimmsten aber sind die Muskeln und Gelenke. Fast jede Stelle ihres Körpers tut so, als ob sie den Tag zuvor Zementsäcke geschleppt hätte. An Aufstehen ist nicht zu denken, fiebrig fühlt sie sich außerdem. Kurz darauf die Kapitulation – me sie muss sich krankmelden, dabei hat sie erst vor zehn Tagen den letzten Infekt überstanden.

Der Kollege hingegen ist das blühende Leben, auch in aller Novembernebeldüsternis: Mögen sich die anderen krankmelden, er bleibt topfit. Nicht mal einen Schnupfen holt er sich, während der Rest des Teams einer nach dem anderen ausfällt. Die Siechen und Lahmen sind mit Hamsterkäufen von Papiertaschentüchern beschäftigt und geben ständig dieses Räuspern von sich, mit dem Restbestände der Erkältung zutage gefördert werden. Er zieht hingegen nicht mal einen Schal an, wenn der Polarwind Fußgänger zerzaust. Der Kerl hat offenbar eine Rossnatur.

Das gleiche Phänomen, zwei Etagen tiefer: Während manche Menschen Zabaione, Tiramisu und Mousse meiden, weil ihre Gedärme nach jeder Eierssüßspeise verrückt spielen, sie überdies von Meeresfrüchten und Salat prinzipiell Durchfall bekommen, schaufeln andere halb gare Innereien und dubiose Rohkost in sich hinein und schrecken auch vor der Spelunke “Zum dreckigen Löffel” nicht zurück. Den Verdauungsschnaps kippen sie gerne mit der Bemerkung hinunter: “Ich kann alles essen, ich merke nie etwas.”

Wie kommt es, dass die Bereitschaft, Infekte auszubrüten, so unterschiedlich ausgeprägt ist? Der Volksmund hat Umschreibungen dafür gefunden, dass der eine schon flachliegt, sobald am anderen Ende des Raumes jemand niest. “Schwache Konstitution” heißt es dann oft oder: “der ist halt anfällig”. Ein “schlechtes Immunsystem” wird auch gerne ferndiagnostiziert. Aber was bedeutet das? Und woran liegt es genau?

 

Eltern liegen seltener flach als Singles oder kinderlose Paare

“Die Frage ist tricky”, sagt Antonius Schneider, Chef der Allgemeinmedizin am Klinikum rechts der Isar in München. “Die Psychoimmunologie spielt sicher eine wichtige Rolle. So ist bekannt, dass Menschen, die oft niedergeschlagen sind, eher eine Erkältung bekommen.” Schon im Jahr 2000 ist im Fachmagazin Lancet eine Studie erschienen, in der eine deutliche Häufung von Erkältungsleiden bei jenen Senioren festgestellt wurde, die Zeichen einer Depression aufwiesen und sich oft einsam fühlten. Gleichaltrige, die besser gestimmt waren und Freunde und Familie um sich wussten, wurden mit den Viren hingegen besser fertig und seltener krank.

Für die wichtige Rolle der Psyche sprechen weitere Befunde. So gelten regelmäßige Streicheleinheiten gar als schützende Faktoren. Obwohl – zumindest beim Küssen – Zigtausende Keime direkt weitergegeben werden, überwiegt der positive Stimulus für das Immunsystem durch innig-intime Beziehungen und zarte Berührungen, was in der Forschung nüchtern als “social support”, also soziale Unterstützung, bezeichnet wird. Geschätzt und geliebt zu werden, vermindert Stress, baut Spannungen ab und lässt sogar Wunden besser heilen. Dadurch wird das Immunsystem gestärkt, wie mittlerweile etliche Detailmessungen der Abwehrzellen, Zytokine und anderer Botenstoffe gezeigt haben – und das schützt nebenbei auch vor Erkältungen.

Ähnlich wird das Phänomen erklärt, dass Eltern seltener an Erkältungen erkranken als Singles oder kinderlose Paare. Es erwischt sie nicht so oft, auch wenn kleine Kinder als bewegliche Infektquellen stets um sie herumwuseln und sie anhusten. Psychologen und HNO-Ärzte aus Pittsburgh haben das eindrucksvoll bewiesen, indem sie nicht nur die subjektive Wahrnehmung der Patienten berücksichtigten, sondern fast 800 gesunden Freiwilligen Nasentropfen mit Erkältungsviren gaben und nachfolgend das Geschehen in Hals und Rachen sowie die Immunantwort erfassten. “Mit der Anzahl der Kinder sinkt das Risiko für Erkältungen”, schreiben die Psychologen um Sheldon Cohen. “Dieser Effekt hat sich sogar bei jenen Eltern gezeigt, deren Kinder schon nicht mehr zu Hause leben.”

Vermutlich hängt es auch mit der Mischung aus Beziehungen und Belastungen zusammen, dass ganz junge Eltern nicht so gut vor Erkältungen geschützt sind wie jene, die bereits 25 Jahre oder älter sind, wenn sich der Nachwuchs einstellt. Wer noch als Teenager oder in der Ausbildung Mutter oder Vater wird und womöglich alleinerziehend ist, hat mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen, die das überlagern, was gerne als “Freuden der Elternschaft” verklärt wird. Das drückt auf die Psyche, und die Viren haben leichteres Spiel.

Alles auf die Gemütsverfassung zu schieben, wäre indes zu einfach. “Man kennt mindestens 100 verschiedene Viren, die diese Infekte auslösen können”, sagt Thomas Kühlein, Chef der Allgemeinmedizin an der Uniklinik Erlangen. “Und so dauert eine Erkältung mal länger, mal kürzer, und man selbst ist auch nicht immer gleich. Die schlechte Nachricht: Die Krankheit ist unheilbar – die gute Nachricht: Sie geht nahezu immer ohne Schaden vorüber. Wir sind danach wieder die Alten, aber die Infekte nerven eben und quälen uns.”

Andere äußere Faktoren wie Schlafmangel machen den Körper ebenfalls anfälliger. Regelmäßig weniger als fünf Stunden Nachtruhe zu haben, schwächt die Abwehrkräfte, dieser Effekt macht sich tendenziell schon nach einer durchwachten Nacht bemerkbar – anschließend kommt es leichter zu einer Infektion. Wer regelmäßig Alkohol trinkt, sich wenig bewegt und nicht oft draußen ist, muss auch häufiger mit Erkältungen rechnen. Menschen, die immer wieder über Magen-Darm-Beschwerden klagen, sind ebenfalls gefährdeter, eine Erkältung zu bekommen.

Und was ist mit denen, die beruflich ständig Kontakt mit Menschen haben, sind sie eher gefährdet oder geschützt? Also Ärzte, Pflegekräfte, Erzieher und Lehrer? Plausibel wäre es, dass solche Jobs das Immunsystem trainieren. “Als Assistenzarzt in der Kinderchirurgie hatte ich gefühlt ein Jahr lang Magen-Darm-Infekte”, sagt Allgemeinmediziner Schneider. “Als Assistenzarzt in der Hausarztpraxis hatte ich gefühlt ein Jahr lang einen geröteten Rachen und Halsschmerzen – irgendwann war es vorbei. Jetzt bin ich nur noch selten krank.” Das Abwehrsystem bekommt Übung, deshalb werden mit zunehmendem Alter auch etliche Infekte seltener. “Warum man Erkältungen kriegt, ist im Einzelfall schwer zu sagen”, sagt Allgemeinmediziner Kühlein. Wichtig sei es, die alte therapeutische Regel zu beachten: Mit Arzt dauert es zwei Wochen, ohne 14 Tage.

 

Dr. med. Werner Bartens

Werner Bartens wurde 1966 in Göttingen geboren. Studium der Medizin, Geschichte und Germanistik in Gießen, Freiburg, Montpellier (F) und Washington D.C. (USA). Nach dem US-Staatsexamen Medizin (1992) Forschungsjahr an den Nationalen Gesundheitsinstituten (NIH) in Bethesda (USA). 1993 Staatsexamen Medizin in Freiburg und Promotion zum Dr. med. mit einer Doktorarbeit über genetische Grundlagen des Herzinfarktes. 1995 Magisterexamen in Deutsch und Geschichte mit einer Abschlussarbeit über Rassentheorien im 19. und 20. Jahrhundert. Bartens arbeitete zwei Jahre als Arzt in der Inneren Medizin an den Unikliniken Freiburg und Würzburg, anschließend Postdoktorand in der Arbeitsgruppe des Nobelpreisträgers Georges Köhler am Max-Planck-Institut für Immunbiologie in Freiburg. Seit 1997 Buchautor, Übersetzer, Ko-Autor einer WDR-Seifenoper und tätig für SZ, Zeit, FAZ und taz. Von 2000 bis 2005 Redakteur im Reportage-Ressort der Badischen Zeitung und zuständig für Medizin; daneben Mitarbeit bei SZ, Zeit und taz. Seit 2005 ist Bartens Redakteur im Ressort Wissen der SZ, seit 2008 Leitender Redakteur. Er hat mehr als 20 populäre Sachbücher veröffentlicht, darunter etliche Bestseller wie “Das Lexikon der Medizin-Irrtümer”, “Körperglück”, “Heillose Zustände”, “Was Paare zusammenhält” und “Wie Berührung hilft”. Bartens ist zu Fragen der Medizin und Gesundheitspolitik oft im Fernsehen zu Gast. Er wurde vielfach mit Journalistenpreisen geehrt und 2009 als “Wissenschaftsjournalist des Jahres” ausgezeichnet. Weitere Infos: www.werner-bartens.de